Hawaii Quali geschafft, Teil 2!

Zum Wettkampf:

Für die ersten 6 km nahm ich mir vor, zügig aber nicht Anschlag loszulaufen. Mein Vorhaben konnte ich ganz gut umsetzen und so kam ich bereits nach knapp über 23 Minuten mit aufgewärmtem Motor und einer leicht zuckenden Achillessehne in der Wechselzone an, aber das würde heute wohl mein kleinstes Problem werden.

Laufschuhe aus, Helm auf, Rad geschnappt und los ging die rasante Fahrt. Erst ging es durch die „längste Wechselzone der Welt“, papperlapapp, das ging doch ruckzuck. Die ersten Kilometer raus aus Hamburg waren technisch etwas anspruchsvoller, nach ca. zehn Kilometern ging es dann aber auf den flachen und kurvenarmen Teil der Strecke. Die Beine waren top und ich hatte große Lust, es heute knallen zu lassen.

Trotzdem galt es, die Pferde möglichst lange im Stall zu halten und kontrolliert zu fahren. Wer mich kennt, weiß, wie schwer mir das fällt.

Mit reichlich Verpflegung an Bord pfiff ich an den Verpflegungsstellen vorbei, ohne etwas aufzunehmen. Belohnung dafür war am Ende von Runde 1 ein 41km/h Schnitt mit einer Durchschnittsleistung von 170 Watt. Auch ich fragte mich: Watt? Das konnte doch nicht wahr sein. Das war doch viel zu wenig?! Da hat wohl einer das Kalibrieren vergessen..

Zu Beginn der zweiten Radrunde war dann die Luft plötzlich raus, oder anders gesagt: sie war da, in Form von ordentlich Gegenwind. Den Schnitt zu halten wäre mein Todesurteil gewesen, sodass ich mich dazu entschied, von Gruppe zu Gruppe nach vorne zu fahren. Die Verpflegungsstellen wurden nun nicht mehr ausgelassen, sondern ich griff, was ich greifen konnte. Nachdem ich die ersten Krampfansätze verspürte, entschied ich mich, nochmal etwas rauszunehmen und mich auf den letzten Radkilometern bereits fürs Laufen einzustimmen. Denn jeder weiß: mit Krampf läuft es sich ganz schön schlecht. Mein Papperlapapp von zuvor nehme ich an dieser Stelle gerne zurück, denn jetzt musste ich schon auf dem Weg durch die längste Wechselzone der Welt bis zum Wechselbeutel kämpfen.

Gut angeknockt zog ich in aller Ruhe Socken und Laufschuhe an. Ich hatte ja Zeit, denn die Freude auf die kommenden 42,195km hielt sich in Grenzen. Die ersten 500m waren eine Qual, weshalb ich sofort Tempo rausnahm. Meine Uhr zeigte 3:30min/km… nun wusste ich auch, wieso es mir schlecht ging. Sofort verringerte ich mein Tempo auf mein im Voraus geplantes Wettkampftempo von 4:30min/km. Vom ersten Schock erholt und mit dem richtigen Tempo kam ich dann nach vier Kilometern beim ersten Fanlager an. Der nächste Schock folgte sogleich: 21 Minuten auf Platz 1 und 14 Minuten auf den nötigen Hawaii-Platz 2 der Altersklasse. Konnte das wirklich sein? Mädels und Rechnen, dachte ich mir. Verabschiedet wurde ich auf die nächsten Kilometer mit dem Ruf „Gib Gas, du musst Einiges aufholen!“. Sofort war mir klar, dass ich mich beim Erhöhen des Lauftempos überschätzen würde und deshalb entschied ich mich, bei meinem Lauftempo zu bleiben. Lass die Mädels mal labern! Von wegen schneller laufen. Bei kühler Cola und Häppchen im Schatten lässt sich das leicht sagen…

Runde für Runde kam ich an den zahlreichen motivierenden Fanstationen vorbei. Für jede der vier zu absolvierenden Laufrunden erhielt man ein Armbändchen, wobei mit der Anzahl der Bändchen die Laune stetig sowohl ab- als auch zunahm (je nachdem, ob man die Nähe zum Ziel oder die noch zu bewältigenden Kilometer betrachtete). Stetiger Begleiter beim Laufen waren meine kleinen Trinkfläschchen, die ich vor dem Wettkampf extra für den Marathon vorbereitet hatte. Mein explosives Gemisch in den Fläschchen half mir, Runde für Runde weiterzukämpfen. Der innere Schweinehund, der bei mir ein „Äffchen mit schellenden Becken“ (siehe Bild unten) ist, meldete sich nun auch mit lautem Geschelle. Immer wieder versuchte ich, dem Äffchen seine Becken zu klauen, jedoch vergebens. Es gab kein Entkommen. Nichtsdestotrotz gelang es mir, das Tempo zu halten und es nach einer klaren, unheimlich „netten“ und direkten Ansage von Lauftrainer Schorsch auf den letzten Kilometern sogar noch deutlich zu erhöhen. Mit einem Feuerwerk im Kopf schnappte ich mir mein letztes Bändchen und machte mich auf in Richtung Ziellinie. Als vierter meiner Altersklasse und 24. Gesamt von 1977 Startern erreichte ich mit einem Urschrei-ähnlichen Ausruf das Ziel und durfte den legendären Satz „You are an Ironman“ hören. Nach 8:08 Stunden des Erwartens durfte ich nun endlich hinter die Ziellinie liegen und verschnaufen. Noch nie war Steinboden derart bequem wie in diesem Moment! Mit dem Hinliegen legte das Äffchen nochmals eine Zugabe ein und meine Beine füllten sich langsam aber sicher mit Beton. Bereits jetzt war mir klar, dass das Laufen in den nächsten Tagen sehr hart und die Treppe zu unserer Ferienwohnung eine unüberwindbare Hürde für mich darstellen würde. Unter der Dusche berichteten meine AK-Kollegen und einige Profis bereits von anstehenden Langdistanzen. Hatten die etwa kein Äffchen im Kopf?! Oder sind die wirklich so bekloppt?!

Ich verschwendete keine Zeit und wurde vom Athleten zum Fan für Matze, der noch auf der Laufstrecke sein Unwesen trieb. Außerdem wollte ich auch Oliver Schotte anfeuern, der mit seiner Freundin Nicole ebenfalls aus der Heimat angereist war, um den Ironman zu bewältigen und der mich seit geraumer Zeit als Radsponsor unterstützt. Für mich kaum vorstellbar, aber Schotti absolvierte an diesem Wochenende seinen 39. Ironman.

Schlußendlich konnten sich dann auch Matze und Schotti wohlverdient über die Begrüßung als Ironman freuen und wurden direkt von ihren Freundinnen umsorgt. Nach einem großen Steak, einem Bier und einer Wahnsinns-Finisher-Party endete der längste Tag des Jahres. Zwar hatte ich mit Platz 4 in der AK die direkte Hawaii-Qualifikation zunächst verpasst, meiner Laune tat dies aber keinerlei Abbruch, weil ich mit meiner Leistung absolut zufrieden war und dem Äffchen eine gute Schlacht geboten hatte. Achja, und wer sich fragt, wie ich die Treppe hinauf zum Bett kam, dem kann ich nur sagen: macht nicht denselben Fehler wie wir und bucht beim Ironman eine Wohnung im 3. OG!

Der Tag danach:

Heute war der Tag der Siegerehrung und der Slot-Vergabe für Hawaii. Da es nicht selten vorkommt, dass manche Athleten auf ihren Startplatz in Hawaii verzichten, entschieden wir uns, diesem Event beizuwohnen und das Frühstücksbuffet bei der Slotvergabe ordentlich zu plündern. Über die Treppe und den Muskelkater reden wir ein anderes Mal wieder.

Bei der Siegerehrung meiner Altersklasse erwarteten mich direkt zwei positive und unerwartete Überraschungen. Erstens hatte ich bei der Deutschen Meisterschaft über die Langdistanz den dritten Platz erreicht. Zweitens konnte ich feststellen, dass einer der vor mir platzierten Athleten keine Lust auf Frühstück und Ehrung hatte. Meine Chance auf einen Slot für Hawaii stieg dadurch ungemein, weil dadurch nur noch ein Athlet vor mir auf seinen Startplatz verzichten musste, um mir meinen langen Traum zu erfüllen.

Es kam wie es kommen musste: in einem Krimi der Gefühle verzichtete Platz 1, Platz 2 nahm an und der nicht anwesende Frühstücksmuffel bescherte mir den Startplatz für Hawaii. Die Freude war riesig und nach dem Kauf meiner teuersten Basecap meines Lebens  für 1026  Dollar, Startplatz auf Hawaii inbegriffen, ging die Party erst richtig los.

Über den Tag nun weiter zu berichten würde den Rahmen sprengen. Man munkelt jedoch, dass einige Ehemänner an diesem Abend von ihren Frauen die rote Karte kassierten.

Zurück in der Heimat wurden wir von unseren Familien, Freunden und Vereinskollegen überraschenderweise mit einer kleinen Party empfangen. Mit dabei auch Ironman Christian, welcher zeitgleich mit uns in Zürich an den Start ging.

Bei kühlen Getränken wurde vom Wettkampf berichtet, gefachsimpelt und der Erfolg in vollen Zügen genossen.

Ab morgen steige ich wieder in den Trainingsalltag ein, denn es kribbelt schon wieder, auch wenn die Power noch etwas auf sich warten lässt.

Kona, ich komme!

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